KAMERATA OBSKURA

Clubmusik, historisch informiert
Die Camerata Obscura unter Tobias Haußig im Ritter Butzke. Von Janis El-Bira.


Ein milder Herbstabend im September vergangenen Jahres. Zwischen den Klinkerfassaden im Innenhof des Berliner Clubs „Ritter Butzke“ wartet gegen 22 Uhr bereits eine ansehnliche Menschenmenge auf Einlass. Gäbe es hier, in dieser Stadt, den typischen Clubbesucher, könnte man nun zu überlegen anfangen, ob die hier Wartenden seinem Bild entsprechen oder ausgerechnet heute Abend entschieden davon abweichen. Es gibt ihn aber nicht. Wie üblich mischen sich Mate-Hipster mit „Ehrliches Bier“-Trinkern, wöchentliche Stammgäste mit Touristen und die Aficionados elektronischer Musik mit jenen, die eben gerade von der Oper oder der Philharmonie rübergekommen sind. Alles wie immer also.

Im Innern des Clubs wird der Mate nach dem „Abtrinken“ mit reichlich Jägermeister aufgefüllt, im Dunkeln leuchten die Zigaretten. Auch hier also der übliche Betrieb – scheinbar. Denn auf einer schmalen Bühne an der linken Seite des Raumes sind einige silbrige Drahtnotenständer im charakteristischen Halbrund einer sinfonischen Orchesteraufstellung platziert. Noten liegen auf den Pulten, aber noch sind keine Ausführenden zu sehen, die dieser Vorahnung „handgemachter“ Musik entsprechen könnten. Nach und nach füllt sich der Raum gleichermaßen mit Menschen wie erwartungsvoller Gespanntheit. Gegen halb elf sind die wenigen Sitzgelegenheiten (schließlich befindet man sich hier mitten auf einer Tanzfläche) belegt und viele Besucher nehmen auf dem Boden vor der Bühne Platz. Das Erstaunen, als dann tatsächlich Geigen, Oboen und Kontrabässe durch den Raum getragen werden und die Bühne sich mit einem kleinen Kammerensemble füllt, währt nur kurz, denn zwischen Longdrinks, schummriger Beleuchtung und Zigarettenrauch stellt sich in kurzer Zeit eine Atmosphäre entspannter Konzentration ein.
Das Orchester, das unter der Leitung des Dirigenten Tobias Haußig nun mit historisch informiert-kantigen Akzenten und solistischem Eifer in ein Barockprogramm startet, ist die Camerata Obscura, in der sich unter anderem ambitionierte Laienmusiker aus dem Jungen Ensemble Berlin zu einer flexiblen Kammermusikformation in wechselnder Besetzungsstärke zusammengeschlossen haben. Von Anfang an war die Aufführung klassischer Musik an Orten, die man damit nicht zwangsläufig in Verbindung bringt, im Zentrum der Projekte der Camerata – große Aufmerksamkeit erregte vor allem ein Auftritt auf dem Fusion – Festival im Sommer des vergangenen Jahres.
Und auch an diesem Abend springt der Funke schnell über: Die üppige Ornamentik der barocken Musik, das Lustvolle und Tänzerische fügt sich ausgezeichnet in die kargen Hallen jener hedonistischen Tempel, die Orte wie das „Ritter Butzke“ ja letztlich sind. Man gewinnt den Eindruck, dass hier die Besonderheit barocken Weltverständnisses, Gegensätzliches stets zusammen zu denken, in Ort und Musik eine überaus gelungene Entsprechung findet. Das Publikum quittiert die Aufführungen mit großem Jubel, der hier – anders als im Konzertsaal – natürlich auch zwischen den Sätzen einer Suite einsetzen darf. Ein Höhepunkt der Aufführung ist schließlich die berühmte Baritonarie „Mache dich, mein Herze, rein“ aus der „Matthäus-Passion“, die der Solist zwar mit kurzen Hosen, aber ohne alle Zugeständnisse in Sachen Ernsthaftigkeit mit großer Wärme darbietet. Hier, an diesem Ort kollektiven Vergessensrausches, entfaltet die Musik Bachs gerade im Kontrast eine enorm rührende Wirkung. Zum Schluss dann leitet die Camerata Obscura aber doch noch quasi fließend in diesen „Rausch“ über: Die elektronischen Klänge vom DJ-Pult mischen sich zunächst kunstvoll in die akustische Musik und übernehmen schließlich, wenn der lange Applaus für die Ausführenden verklungen ist, wieder die Kontrolle über eine lange Berliner Nacht, in die die Anwesenden vielleicht nicht mehr ganz klaren Kopfes, aber sicherlich offenen Ohres, wohlmöglich gar etwas „reineren Herzens“ verschwinden.

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